Maschinenrichtlinie 2006/42/EG: Der komplette Leitfaden für Hersteller

Die Maschinenrichtlinie 2006/42/EG (MRL) ist das zentrale Regelwerk für die Sicherheit von Maschinen im Europäischen Wirtschaftsraum. Sie definiert die grundlegenden Sicherheits- und Gesundheitsschutzanforderungen, die jeder Maschinenhersteller erfüllen muss. Dieser Leitfaden erklärt den Anwendungsbereich, die wesentlichen Anforderungen und die Konformitätsbewertungsverfahren -- und blickt auf den Übergang zur neuen EU-Maschinenverordnung.

236Tage bis EU-MVO 2027

Hintergrund und Bedeutung

Die Maschinenrichtlinie 2006/42/EG wurde am 17. Mai 2006 vom Europäischen Parlament und dem Rat verabschiedet und ist seit dem 29. Dezember 2009 verbindlich anzuwenden. Sie löste die vorherige Maschinenrichtlinie 98/37/EG ab und harmonisiert die Sicherheitsanforderungen für Maschinen in allen EU-Mitgliedstaaten sowie den EWR-Staaten Island, Liechtenstein und Norwegen.

Die MRL verfolgt zwei gleichrangige Ziele: den freien Warenverkehr für Maschinen innerhalb des Binnenmarkts zu gewährleisten und gleichzeitig ein hohes Schutzniveau für die Sicherheit und Gesundheit der Benutzer sicherzustellen. Jeder Mitgliedstaat hat die Richtlinie in nationales Recht umgesetzt -- in Deutschland durch das Produktsicherheitsgesetz (ProdSG) in Verbindung mit der Maschinenverordnung (9. ProdSV).

In der Schweiz gilt die Maschinenverordnung (MaschV), die inhaltlich weitgehend mit der MRL übereinstimmt.

Anwendungsbereich: Welche Produkte fallen unter die MRL?

Artikel 1 Absatz 1 der MRL definiert den Anwendungsbereich. Die Richtlinie gilt für folgende Produkte:

Maschinen

Eine Gesamtheit von miteinander verbundenen Teilen oder Vorrichtungen, von denen mindestens eines beweglich ist und die für eine bestimmte Anwendung zusammengefügt sind. Entscheidend ist das Vorhandensein eines Antriebssystems, das nicht unmittelbar durch menschliche oder tierische Kraft betrieben wird. Auch Gesamtheiten, die nur noch aufgestellt und angeschlossen werden müssen, fallen darunter.

Auswechselbare Ausrüstungen

Vorrichtungen, die der Bediener nach Inbetriebnahme einer Maschine selbst an dieser anbringt, um ihre Funktion zu ändern oder zu erweitern. Beispiel: Ein Anbaugerät für einen Traktor oder ein Wechselwerkzeug für eine CNC-Maschine.

Sicherheitsbauteile

Bauteile, die eigens zur Gewährleistung einer Sicherheitsfunktion dienen und gesondert in Verkehr gebracht werden. Beispiele: Lichtvorhänge, Zweihandschaltungen, Schutzhauben, Überrollschutzaufbauten (ROPS). Anhang V der MRL enthält eine nicht abschließende Liste.

Lastaufnahmemittel

Nicht fest mit dem Hebezeug verbundene Bauteile oder Ausrüstungen, die das Ergreifen der Last ermöglichen. Beispiele: Anschlagmittel, Traversen, Greifer, Vakuumheber.

Ketten, Seile und Gurte

Für Hebezwecke hergestellte und gestaltete Ketten, Seile und Gurte, die als Teil von Hebezeugen oder Lastaufnahmemitteln eingesetzt werden.

Abnehmbare Gelenkwellen

Gelenkwellen zur Kraftübertragung zwischen einer Antriebsmaschine und einer angetriebenen Maschine, einschließlich der zugehörigen Schutzeinrichtungen.

Unvollständige Maschinen

Gesamtheiten, die fast eine Maschine bilden, für sich allein genommen aber keine bestimmte Funktion erfüllen können. Beispiel: Ein Antriebssystem oder ein Roboterarm ohne Steuerung. Für unvollständige Maschinen gelten vereinfachte Anforderungen (Einbauerklärung statt Konformitätserklärung).

Ausnahmen vom Anwendungsbereich

Nicht unter die MRL fallen unter anderem: Sicherheitsbauteile als Ersatzteile identischer Bauteile, Einrichtungen auf Jahrmärkten, für Kernenergie bestimmte Maschinen, Waffen, bestimmte land- und forstwirtschaftliche Zugmaschinen sowie Seefahrzeuge. Auch elektrische und elektronische Erzeugnisse bestimmter Kategorien (Haushaltsgeräte, Audio/Video-Geräte, IT-Geräte) sind ausgenommen, soweit sie unter andere spezifische Richtlinien fallen.

Grundlegende Sicherheits- und Gesundheitsschutzanforderungen

Anhang I der MRL enthält die grundlegenden Sicherheits- und Gesundheitsschutzanforderungen (GSGA). Diese sind als verbindliche Schutzziele formuliert, nicht als konkrete technische Lösungen. Die wichtigsten Bereiche sind:

Teil 1: Allgemeine Grundsätze

Integration der Sicherheit (3-Stufen-Methode), Materialien, Beleuchtung, Handhabung, Ergonomie, Bedienungsplätze, Steuerungssysteme, Schutzmaßnahmen gegen mechanische, elektrische und sonstige Gefährdungen, Wartung, Hinweise und Kennzeichnungen, Betriebsanleitung.

Teil 2: Nahrungsmittelmaschinen und Maschinen für kosmetische/pharmazeutische Mittel

Zusätzliche Hygieneanforderungen, Materialanforderungen für Kontakt mit Lebensmitteln, Reinigbarkeit.

Teil 3: Maschinen mit besonderen Beweglichkeitsrisiken

Anforderungen an mobile Maschinen, Fahrerplatz, Lenkung, Bremsen, Standsicherheit.

Teil 4: Hebe- und Fördervorgänge

Standsicherheit, Tragfähigkeit, Steuerung von Bewegungen, Lastaufnahme, Kennzeichnung von Hebezeugen und Lastaufnahmemitteln.

Teil 5: Maschinen für untertägige Arbeiten

Besondere Anforderungen an Maschinen, die unter Tage eingesetzt werden (Bergbau).

Teil 6: Personenbeförderung

Anforderungen an Maschinen, die Personen befördern oder heben, z. B. Hubarbeitsbühnen.

Der Hersteller muss in seiner Risikobeurteilung prüfen, welche dieser Anforderungen auf seine spezifische Maschine anwendbar sind. Nur die tatsächlich relevanten Anforderungen müssen erfüllt werden -- aber die Prüfung und Begründung muss dokumentiert sein.

Konformitätsbewertungsverfahren

Die MRL bietet verschiedene Verfahren zur Konformitätsbewertung, abhängig davon, ob die Maschine in Anhang IV aufgeführt ist:

Maschinen NICHT in Anhang IV

Für die große Mehrheit der Maschinen: Der Hersteller führt die Konformitätsbewertung vollständig selbst durch.

Keine benannte Stelle erforderlich. Dies ist das einfachste und häufigste Verfahren.

Maschinen IN Anhang IV -- mit harmonisierter Norm

Maschinen in Anhang IV haben ein höheres Gefährdungspotenzial. Wendet der Hersteller die relevanten harmonisierten Normen vollständig an, kann er dennoch die Konformitätsbewertung selbst durchführen.

Die vollständige Anwendung der harmonisierten Norm muss dokumentiert werden.

Maschinen IN Anhang IV -- ohne harmonisierte Norm

Wird für eine Anhang-IV-Maschine keine harmonisierte Norm vollständig angewendet, muss eine benannte Stelle (Notified Body) eingeschaltet werden.

Benannte Stellen in Deutschland sind z. B. TÜV, DGUV Test oder verschiedene Prüfinstitute.

Die wichtigsten Anhänge der MRL im Überblick

AnhangInhalt
Anhang IGrundlegende Sicherheits- und Gesundheitsschutzanforderungen
Anhang IIErklärungen (A: EU-Konformitätserklärung, B: Einbauerklärung)
Anhang IIICE-Kennzeichnung (Gestaltung und Proportionen)
Anhang IVMaschinen mit besonderem Gefährdungspotenzial (23 Kategorien)
Anhang VNicht abschließende Liste von Sicherheitsbauteilen
Anhang VIITechnische Dokumentation (Mindestinhalt)
Anhang VIIIBewertung der Konformität mit interner Fertigungskontrolle
Anhang IXEG-Baumusterprüfung durch benannte Stelle
Anhang XUmfassende Qualitätssicherung

Übergang zur EU-Maschinenverordnung (EU) 2023/1230

Am 29. Juni 2023 wurde die neue EU-Maschinenverordnung (MVO) im Amtsblatt der EU veröffentlicht. Sie wird die Maschinenrichtlinie 2006/42/EG am 20. Januar 2027 vollständig ablösen.

Die wichtigsten Änderungen der MVO gegenüber der MRL:

Neue Risikokategorien: Cybersecurity-Anforderungen für Maschinen mit digitalen Elementen und spezifische Anforderungen an KI-basierte Sicherheitsfunktionen

Digitale Betriebsanleitung: Die Betriebsanleitung darf erstmals in digitaler Form bereitgestellt werden, mit kostenlosem Papierexemplar auf Anfrage

Wesentliche Veränderung: Klare Definition, wann eine Veränderung an einer bestehenden Maschine eine neue Konformitätsbewertung erfordert

Erweiterter Anhang I (jetzt Anhang IV der MVO): Sechs statt bisher vier Hochrisiko-Kategorien, darunter erstmals auch KI-basierte Sicherheitsfunktionen

Stärkere Marktüberwachung: Erweiterte Befugnisse der Behörden und strengere Pflichten für Online-Marktplätze

Was Hersteller jetzt tun sollten

Obwohl die MVO erst ab Januar 2027 verbindlich ist, sollten Hersteller bereits jetzt mit der Vorbereitung beginnen. Analysieren Sie die neuen Anforderungen, prüfen Sie Ihre bestehenden Prozesse und passen Sie Ihre technische Dokumentation schrittweise an.

Fazit: Die MRL als Fundament der Maschinensicherheit

Die Maschinenrichtlinie 2006/42/EG hat über 15 Jahre lang den rechtlichen Rahmen für die Maschinensicherheit in Europa definiert. Ihre Grundprinzipien -- risikobasierter Ansatz, Konformitätsvermutung durch harmonisierte Normen, Eigenverantwortung des Herstellers -- bleiben auch unter der neuen EU-Maschinenverordnung bestehen.

Für Hersteller bedeutet dies: Wer die MRL heute sicher beherrscht, hat eine gute Grundlage für den Übergang zur MVO.

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